Am nächsten Morgen wurde ich unsanft von Laura geweckt.
„Lena! Los jetzt steh schon auf ich wecke dich schon zum dritten mal und du liegst da immer noch.
Wir haben es schon halb sieben. Na los!“
„Wann hattest´n du vor mich zu weck´n?“ Bring ich noch einiger maßen vernünftig raus.
„Na um sechs Uhr. Jetzt sag ja nicht, dir reicht morgens eine halbe Stunde. Also du bist doch verrückt!“ sagt meine Freundin empört.
Ich schleppe mich zum Waschbecken und wasche mir mit kaltem Wasser das Gesicht. Jetzt bin ich wach! Ich suche mir aus meinem „Schrank“ ein schwarzes Top und ein halblanges T-Shirt raus und ziehe es an. Bei der Hose bin ich mir nicht mehr ganz so sicher. Lieber die Schwarze lange, oder die kurze rosarote ? Wenn ich jetzt Laura fragen würde, würde sie natürlich die rosarote nehmen, aber da ich sie nicht gefragt habe, stehe ich immer noch da und überlege.
„Die rosarote kurze Hose mit dem weißen Top. Die Haare zum Pferdeschwanz mit einer geflochtenen Strähne nach hinten in den Bund.“ Laura reißt mir einfach die schwarze Hose aus der Hand und hängt sie an die Vorrichtung. Ich wollte meine Haare aber nicht zusammen binden. Ich werde sie einfach offen lassen und die vorderste Strähne nach hinten flechten und fest stecken. Meine Haare gingen mir bis zum Bauch und sind Blond, dunkel blond. Ich hätte viel lieber braune Haare, wie Laura und die natürlichen Wellen in ihrem Haar. Meine Haare waren einfach nur glatt. Natürlich weiß ich, dass viele sich glatte Haare wünschen und oft ihre Haare glätten. Ich mache mir gerne Locken. Oh nein! Jetzt war es tatsächlich schon zehn vor sieben. Ich flechte einfach die Strähne nach hinten und mach sie fest. Dann gehen Laura und ich nach unten, wo meine Familie schon genervt wartet.
„´tschuldigung“ sage ich schnell, bevor Papa mir noch Vorwürfe macht und setzte mich neben Laura. Ich beeile mich mit dem essen und hole unsere Taschen. Wie jeden Morgen stehen Mason und André oben in der Einfahrt.
„Guten Morgen“ sagt Mason und sieht mich unsicher an. Ich weiß wieso. Er fragt sich wie es mir geht. Ich tue einfach so als hätte ich es nicht gesehen. Heute ist Dienstag und wir haben Deutsch. Das Thema ist Zeitung, Zeitungsartikel analysieren und so weiter. Als ich das Klassenzimmer betrete, habe ich das Gefühl, dass alle mich ansehen. Komisch, denn es ist gar nicht so. Ich setzte mich neben Nina, meiner Tischnachbarin. Sofort erzählt sie mir den neusten Klatsch und Tratsch. Nicht umsonst heißt sie bei uns in der kleinen Gruppe Tratschtante. Wir haben um zwei Uhr Schluss. Wie immer treffen wir vier uns im Haupteingang. Auf dem Weg nach Hause reden wir über das Turnier am Wochenende. Für mich ist klar, dass ich daran teilnehmen werde, nur meine Mutter ist sich noch nicht ganz sicher. Der Weg nach Hause ist nicht sehr lang. Von der Schule aus sind es ungefähr 15 Minuten bis zur Einfahrt.
„Ich muss noch nach Hause. Mein Großeltern sind da. Ich komme um circa fünf Uhr. Bis dann!“
sagt André und geht die Straße geradeaus weiter. Er und Laura wohnen im Vogelviertel.
„Oh nein, fast hätte ich es vergessen. Ich muss für Freitag noch Mathe lernen, wenn ich mich beeile, bin ich um fünf Uhr da. Bis später! André warte auf mich!“ Laura läuft André schnell nach. Die beiden wohnen direkt nebeneinander. Mason wohnt gegenüber vom Vergissmeinnicht-Hof.
Mason und ich legen unsere Sachen in mein Zimmer ab und gehen in den fünf-Boxen Stall. Black Rose scharrt mit den Hufen, als wir rein kommen. Jeany habe ich heute morgen auf die Wiese gebracht. Ich hole sie und sattle sie anschließend. Mason sattelt Dusty und dann gehen wir in die Reithalle. Die Reithalle ist schon belegt. Papa trainiert mit einer Gruppe von Schülern für ein Turnier in drei Wochen. Da wir nicht in die Reithalle können, beschließen wir einen Ausritt zu machen. Ich habe die Idee zur alten Wanderhütte zu reiten, aber Mason kennt eine Strecke, die ich noch nie entlang geritten bin. Wir reiten von der Reithalle aus, am fünf- Boxen Stall vorbei über die Wiese, was man eigentlich nicht darf, in den Fellerwald. Dort überqueren wir die Brücke, die über den Sonnentalbach führt, nord- westlich des Fellergebirges. Auf der anderen Seite, des Sonnentalbaches war ich noch nie, warum weiß ich nicht genau. Ziel unseres Ausrittes ist ein wunderschöner Waldsee.
„Warst du hier schon einmal?“ fragt Mason, als wir von den Pferden steigen.
„Nein.“ antworte ich höchst fasziniert, vom Anblick des Sees.
„Ich habe den See vor ein paar Wochen entdeckt. Ich komme oft hier her.“
„Der See sieht so schön aus. Wo sind wir eigentlich, ich meine wie heißt dieser Ort?“
„Um ehrlich zu sein, habe ich keinen Plan, wo wir sein könnten, aber ich glaube maximal 10 Kilometer von Zuhause entfernt.“
Ich hole mein Handy aus der Jackentasche und schaue auf die Uhr. Oh nein! Es ist schon halb fünf.
Wir sind gleich da, seid ihr schon auf dem Hof? Bis nachher, Kuss Lena. Tippe ich in mein Handy und schicke es Laura.
„Lena, ich weiß, dass das jetzt etwas komisch klingt, aber wie geht es dir? Die Frage stelle ich mir schon den ganzen Tag und ich habe mich nicht getraut dich danach zu fragen.“
Ich bin so überrascht über Masons Frage, dass ich im ersten Moment nicht in der Lage bin zu antworten.
„Ich weiß es nicht.“ sage ich schließlich.
„Ich hatte mir gedacht, dass du nicht mit der Frage zurecht kommen würdest. Tut mir leid, vergessen wir es einfach.“
„Nein, so meinte ich das nicht, also einerseits geht es mir schlecht und andererseits bin ich glücklich, mit euch Zeit verbringen zu dürfen. Aber die Geschichte mit Oma macht mir schwer zu schaffen. Ich versuche es zu verdrängen, aber je mehr ich es verdränge, desto schlimmer ist es daran zu denken.“ Plötzlich habe ich das Gefühl alles verraten zu haben, ich hatte meine Trauer versteckt, damit ich nicht immer wie ein Sozialfall behandelt werde, aber jetzt ist es eh raus. Mason wird mich immer mit einem bemitleidendem Dackel blick ansehen und ich werde mich immer wie ein Sozialfall fühlen. Als wir auf den Pferden sitzen, steigen mir Tränen in die Augen. Ich halte es nicht mehr aus, ich fühle mich klein und verloren.
„Ok, was wollen wir gleich machen?“ fragt Mason mit gut gelaunter Stimme. Scheinbar versucht er mich aufzumuntern. Was sollte ich darauf jetzt antworten?
„Ich werde gleich ins Krankenhaus fahren. Ihr könnt ja gleich etwas zusammen machen. Es ist eh schon kurz vor fünf. Und bitte sag den Anderen nicht, wie es mir geht. Ich möchte nicht von allen wie ein Sozialfall behandelt werden.“ ich kriege meine Stimme noch einigermaßen unter Kontrolle, ohne zu schluchzen. Als wir auf dem Hof ankommen, kommen uns André und Laura mit ihren Pferden entgegen. Als Laura mein verheultes Gesicht sieht, will sie grade etwas sagen, aber ich gehe einfach weg. Ich bringe Jeany in den Stall und renne ins Haus, bevor jemand noch auf die Idee kommt mit mir zu sprechen. Ich hole mein Fahrrad aus der Garage und fahre zum Krankenhaus. Doch plötzlich höre ich Huf-Geklapper hinter mir. Als ich mich umdrehe sehe ich wie erwartet meine Freunde. Da sie noch ein ganzes Stück weit weg sind, gebe ich richtig Gas und komme noch vor ihnen im Krankenhaus an. Schnell schließe ich mein Fahrrad ab und gehe zu Omas Zimmer. Davor sitzt Mama und schläft. Bestimmt war sie die ganze Nacht wach. Ich setzte mich neben sie und überlege. Plötzlich ertönt ein lautes durchgehendes piepen, das mich aufschrecken lässt. Ärzte kommen angerannt und gehen zu Oma. Ich kann nicht ins Zimmer sehen, aber ich weiß, dass etwas nicht stimmt. Mama ist auch wach geworden. Aus dem Fahrstuhl kommen meine Freunde zu uns. Ein Arzt kommt aus Omas Zimmer und teilt uns sein herzliches Beileid mit.