Nach dem Ausritt bin ich so erschöpft, dass ich gar keine Lust mehr habe, zur Kostümprobe zu gehen. Ich habe aber zu gesagt, also muss ich auch hin gehen. Mason hat eh nichts anderes vor, deswegen kommt er mit. Vor dem Theater ist schon viel los. Heute ist die Premiere vom Jazzkurs. In der Gruppe ist die Tratschtante. Wir werden das Märchen Aschenputtel als Ballett vorführen und ich werde die Stiefmutter tanzen. Wir bekommen super schöne Kleider und manche auch Perücken.

Nach der Kostümprobe könnte ich glatt umfallen. Mason und ich gehen nach Hause, wo wir als erstes Pizza bestellen. Mama hat Mason angeboten, dass er bei uns bleiben kann. Das ist irgendwie komisch. Seit meinem Geburtstag, habe ich das Gefühl, meine Freunde hätten kein Zuhause mehr. Ich weiß das hört sich komisch an, aber sie übernachten fast jeden Tag bei mir. Nicht, dass das vorher nicht so war, aber es ist noch extremer geworden.

Jedenfalls habe ich einen riesigen Hunger. Als erstes werde ich meine Pizza essen und dann muss ich noch Hausaufgaben machen. Mason sitzt mit meinem Bruder und quatscht. Das ist gut, denn jetzt kann ich endlich mal alleine sein.

He, kann ich dir helfen?“ Ja, indem du raus gehst, mich alleine lässt und nicht mit mir redest. Das wäre eine super Hilfe.

Nein, das ist leicht. Ich bin gleich fertig.“

Ok. Ich kann ja auf dich warten.“

Nein, das brauchst du nicht, wenn du willst, kannst du einen Film im Filmzimmer sehen, oder du kannst dich mit Sebastian unterhalten.“

Ok. Sei einfach ehrlich. Du brauchst Zeit und versuchst irgendwie Zeit zu gewinnen, wo du mal eine Stunde für dich sein kannst. Dann sag das doch! Ich versuch nur, dir zu helfen, falls du nicht alleine sein willst. Ich gehe mal runter in den Garten, wenn du Lust hast, kannst du nach kommen.“

Mason, warte. Ich will nicht alleine sein, ich will einfach nur in Ruhe nachdenken können. Das hat nichts mit dir, Laura ,oder André zu tun. Es ist nur ziemlich schwer, nachdenken zu können, wenn ihr immer und überall seid. Ich gehe gleich schlafen. Du musst nicht mitkommen, ich meine es ist erst acht Uhr.“

Ja, ich weiß, dass wir es ein wenig übertreiben. Es war Lauras und meine Idee. Wir machen uns Sorgen, und da dachten wir, wir könnten ein wenig auf dich aufpassen. Je nachdem, wie es sich ergibt, ist sie, ich, wir beide oder mit André wir alle da. Es tut mir leid, wenn wir dich genervt haben.“

Ist nicht schlimm. Komm, lass uns die Sache vergessen und einen Film sehen.“

Ich wollte mich noch um Dusty’s Sattelzeug kümmern. Du kannst ja mitkommen.“

Ok. Ich könnte Jeany Zöpfe flechten.“

Im Stall stehen André und Laura.

Ich wusste nicht, dass sie auch hier sind. Das tut mir leid.“

Ich drehe mich um, bevor sie mich sehen, aber es ist schon zu spät.

Lena, lass uns doch ein wenig reiten.“ Allein diese bemitleidende Stimmenlage nervt mich.

Blitzschnell renne ich hoch in mein Zimmer. Ich schließe mich im Zimmer ein und gehe durch das Badezimmer in meinen “Kleiderschrank“. Wenn jemand jetzt vor der Tür stünde, würde ich ihn nicht hören. Winnetou und ich sitzen in der Ecke und ich habe mein Lieblingsbuch in der Hand. Es ist das, mit dem dickköpfigem Mädchen. Sie kommt mit ihrer Familie aus einem kleinem Dorf, und zieht in eine Großstadt. An der neuen Schule ist ein Junge, der hält sich für den Boss, nur weil die Eltern Sponsoren der Schule sind.

Lena bitte mach auf!“ es ist Laura.

Lena bitte!“ jetzt ist es Mason.

Bitte!“ André. Die Sätze werden ja immer kürzer. Was meine Deutschlehrerin wohl dazu gesagt hätte?

Nein, ich mache nicht auf. Ich will nicht reden. Wieso kann ich nicht zehn Minuten alleine sein? Wir sehen uns doch eh jeden Tag. Warum seid ihr rund um die Uhr da?“

Lena komm, bitte ich werde dir alles erzählen, bitte mach auf, bitte!!!“

Laura, bitte geh. Ich will nicht reden. Du bist meine beste Freundin, du müsstest mich am besten kennen und verstehen. Bitte.“ Auf einmal merke ich, dass ich vor der Tür stehe die linke Hand auf der Klinke und die rechte will grade den Schlüssel umdrehen. Moment mal,meine rechte Hand hat schon den Schlüssel umgedreht, denn jetzt macht die linke die Tür auf. Davor stehen Laura und Mason. André musste nachhause. Laura guckt erleichtert. Dachte sie, ich sei Suizid gefährdet? Sie kennt mich am besten, sie weiß, dass mich nichts auf der Welt dazu bringen könnte, mich freiwillig von meinem Leben zu trennen. Ich mache die Tür wieder zu und schließe rasch ab. Als ich auf meinem Bett sitze, merke ich, dass es neun Uhr ist und ich super müde bin. Ich stecke mir Ohrstöpsel in die Ohren und gehe mich umziehen. Bein Zähneputzen, stelle ich fest, dass meine Schulsachen noch gepackt werden müssen. Ich habe Glück, denn von meinem Zimmer aus gibt es eine Tür, die ich seit Jahren nicht benutze, und von der meine Freunde nichts wissen. Diese Tür ist hinter meinem Regal und führt in mein Arbeitszimmer. Ich schiebe das Regal ein wenig zur Seite, so dass ich mich grade noch da durch quetschen kann. In meinem Arbeitszimmer ist es sehr still. Ich packe schnell meine Tasche, und grade als ich die Tasche zu mache, geht meine Arbeitszimmertür auf und Mason kommt rein. Ich will mich grade noch durch die Tür zwängen, da hält Mason mich am Arm fest.

Lass mich los!“ schreie ich.

Lena! Beruhige dich! Wieso spielen wir dieses Versteckspiel? Was ist aus unserer Freundschaft geworden?“ Er hatte recht. Was war geschehen?

Ich versuche mich aus seinem Griff zu befreien , aber ich fühle mich so hilflos, dass ich auf dem Boden zusammensacke und anfange zu weinen. Wieso werde ich von allen behandelt wie ein Sozialfall? Was habe ich getan, dass alle denken, dass ich Hilfe brauche? Ich will das doch gar nicht. Jetzt kommt auch Sebastian ins Arbeitszimmer. Er nimmt mein Gesicht in seine Hände und sieht mir ganz tief in die Augen. Das ist irgendwie tröstend. Plötzlich kann ich nicht anders. Ich falle ihm um den Hals und fange an zu schluchzen. Und es tut gut. Es ist so ein gutes Gefühl mit jemandem sein Leid zu teilen, der einen versteht. Und da fängt er auch an zu weinen. Nach einer gefühlten halben Stunde, stehen wir auf und gehen in den Stall. Mit wir, sind Mason, Sebastian und ich gemeint. Laura musste nachhause gehen. Wir satteln die Pferde und reiten um halb zehn Uhr abends in den Wald. Einfach so. Ich glaube Mama und Papa wissen gar nicht, dass wir noch wach sind, geschweige denn, dass wir ausreiten. Sebastian hat mal wieder vorausgeplant und den Wecker, den sich Mama und Papa abends immer stellen, damit sie pünktlich ins Bett gehen, ein wenig verstellt. Das heißt, wenn wir zurück kommen, müssten sie schon schlafen.

 

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