Die Tage vergehen schnell und schon bald ist Sonntag und Mama und Papa fliegen nach Neuseeland. Mama hat versprochen, mir etwas schönes mit zu bringen. Tante Chloé schläft in Omas Anbau. Sie kann leider nur einen Tag bleiben, aber das ist nicht so schlimm, denn Sebastian und ich kommen auch gut alleine zurecht. Ich packe meine Schulsachen zusammen und gehe schlafen. Die Nacht wird für mich zur Hölle, denn ich werde von zwei Albträumen gequält. Beim zweiten Mal beschließe ich zu Sebastian zu gehen.

Basti!“, flüstre ich. Er knurrt.

Basti!“, sage ich etwas lauter. Er sieht zu mir. Als er mein verheultes Gesicht sieht, steht er auf und kommt zu mir.

Was ist denn los?“, fragt er schockiert.

Hab schlecht geträumt.“, sage ich.

Na komm.“, sagt er, gibt mir den Weg frei und bringt mich in sein Bett. Er legt sich neben mich und keine Sekunde später schlafe ich schon. Dieser Traum ist auch nicht der beste, aber er ist schon viel besser als die anderen Träume. Ich wache um halb sechs auf. Sebastians Arm hält mich fest. Ich löse ihn vorsichtig und stehe auf. Er ist zum Glück nicht wach geworden. Ich gehe in mein Zimmer und ziehe mich um. Gestern Abend habe ich ein Buch gelesen. Ich lese es schon etwas länger. Es geht um eine Revolution. Das Mädchen stirbt am Ende und es kam so überraschend, dass ich für eine halbe Stunde nicht wusste, was ich tun sollte. Es geht mir immer noch nicht besser. Ich weiß, dass es nur eine Figur aus einem Buch ist, aber es mir allein schon aus der Perspektive ihres Freundes vor zu stellen, treibt mir Tränen in die Augen. Ich mache die Augen zu und wische die Träne weg, die sich doch noch aus meinen Augen gedrängt hat. Ich muss heute zur Schule. Ich gehe ins Badezimmer und wasche mein Gesicht. Ich putze meine Zähne und sehe in den Spiegel. Wenn ich mich selber so ansehe, sehe ich das Mädchen, mit den langen, dicken Beinen, den aufgeplusterten Wangen und den Blonden langen Haaren. Ich habe einfach nur blonde Haare, die glatt runter hängen. Ich ziehe mich um und gehe frühstücken. Es gibt Spiegelei. Ich setze mich und esse ein Brot mit dem Ei. Keine zehn Minuten später sage ich, dass ich noch meine Tasche holen muss und breche oben in meinem Badezimmer alles aus. Ich gehe in die Einfahrt und warte ein paar Minuten. Ich bin ein wenig nachdenklich. Das ist immer so, wenn ich schlecht geträumt habe.

Guten Morgen.“, sagt Mason.

Hm.“, gebe ich als Antwort.

Was ist los? In letzter Zeit, bist du anders geworden. Zum Beispiel jetzt, was ist los?“, fragt Mason und ich sehe zu ihm auf.

Ich habe nur schlecht geträumt und bin deswegen zu Sebastian gegangen.“,sage ich ein wenig zu finster, denn jetzt dreht er sich um und starrt in die Ferne.

Hallo.“, höre ich André’s Stimme vom Weitem.

Hallo.“, sagen Mason und ich im Chor, doch der einzige, der darüber lacht ist André.

Wir gehen in die Schule. Auf dem Weg erzählt André uns jedes Detail seiner neuen Musikanlage. In der ersten Stunde haben wir Physik. Ich hasse Physik. Mein Lieblingsfach ist Englisch.

Die Schule vergeht mal wieder quälend langsam. Heute ist Montag und in zwei Wochen, sind Mama und Papa wieder da. Nach der Schule nehme ich mir mein Brot, stehe am Eingang der Schule und warte auf meine Freunde. Nach gefühlten zwei Stunden kommen sie, und wir können los gehen. An der Einfahrt trennen wir uns. Mason kommt mit auf den Hof und André geht zu seiner Mutter, beim Hausputz helfen. Ich bin froh, dass ich das nicht so oft machen muss, denn bei Sebastian und mir verteilt sich das. Wir gehen in mein Zimmer und setzen uns hin. Lange Zeit lang, herrscht eine bedrückende Stille.

Wollen wir etwas essen?“, fragt Mason.

Ich habe keinen Hunger, aber wenn du willst, kannst du den Salat von Tante Chloé essen.“, sage ich. Wir gehen also nach unten, in die Küche und ich nehme den Salat aus dem Kühlschrank. Bei dem Anblick bekomme ich Hunger, doch ich darf jetzt nichts essen. Heute nicht mehr. Ich sage ich muss auf Toilette und verschwinde im Gästebad. Allein der Gedanke an das Brot mit Käse, eben vor dem Schuleingang ist grausam. Nach einer Weile komme ich wieder ins Esszimmer. Ich nehme mir eine Gießkanne und gebe jeder Pflanze Wasser. Mama hat sehr viele Kakteen, um die ich mich kümmern muss, aber sie hat die eigentlich noch gestern gegossen. Ich setze mich an den Tisch und sehe nach draußen. Ich betrachte den Baum in unserem Garten. Es wird langsam Herbst. Ich merke, dass es immer früher dunkel wird und morgens immer kälter. Eigentlich mag ich den Herbst, lieber als den Sommer, denn es ist kalt aber die Farben der Blätter sind so wunderschön, dass ich Stundenlang ausreiten könnte. Trotz der Kälte.

Lena!“, schiebt sich eine Stimme in mein Unterbewusstsein.

Lena!“ Mason reißt mich aus meinen Gedanken. Ich erwache aus meiner Starre und sehe ihn an. Ich sehe die blau-grünen Augen, die ich jeden Morgen in meinen Augen sehe. Meine sind aber ein wenig grünlicher. Ich merke wieder, wie ich langsam in meinen Gedanken verschwinde. Deswegen stehe ich auf, nehme den Teller und stell ihn in die Spühlmaschiene. Ich lege mich auf der Terrasse in die Hängewatte und keine Minute später schlafe ich schon. Ich werde mitten in der Nacht wach. Als ich mich um sehe, bemerke ich, dass ich in Sebastians Zimmer liege und er neben mir. Ich bin immer noch müde und schlafe weiter, bis mein Wecker klingelt. Ich höre ihn, obwohl er in meinem Zimmer steht. Ich bin schlapp und müde. Mir fallen die Augen zu, obwohl ich 13 Stunden geschlafen habe. Ich schleppe mich ins Bad. Dort wasche ich mein Gesicht und putze meine Zähne. Ich ziehe mir etwas an und nehme meine Tasche mit runter, wo Tante Chloé schon am Frühstück vorbereiten ist. Ich sage, dass ich schnell gehen muss und gehe aus dem Haus. Es ist erst halb sieben. Jetzt muss ich eine halbe Stunde lang hier herum stehen. Ich gehe in den Stall und bringe unsere Pferde auf die Paddogs. Ich gehe nur um mir die Zeit zu vertreiben sechs mal zum Paddog und wieder zurück. Um viertel vor sieben steht zu meiner Überraschung Mason in der Einfahrt. Ich gehe zu ihm.

Guten Morgen.“, versuche ich ein gähnen zu unterdrücken.

Hallo, Lena.“, sagt er überrascht, „Was machst du denn schon so früh hier?“

Ich…bin heute etwas früher aufgestanden.“, lüge ich. Ich will nicht, dass er Verdacht schöpft.

Ach so. ich dachte schon, du hättest auf irgendetwas verzichtet.“, sagt er mit einem Blitzen in den Augen.

Was soll diese scharfe stimme?“, frage ich vorwurfsvoll.

Ich habe doch gar keine scharfe Stimme.“, sagt er.

Natürlich! Ich bin doch nicht blöd!“, sage ich.

Du spinnst. Was ist los mit dir? Seit einiger Zeit bist du viel gereizter als sonst und du erzählst mir kaum noch etwas.“, sagt er wieder etwas ruhiger. Diese Art von Ruhe, verursacht in mir eine Unruhe. Ich weiß nicht, wieso, aber es hört sich viel bedrohlicher an. Ich sehe weg. Was soll ich darauf antworten? Dass ich nur meine Meinung sage? Sage ich denn wirklich meine Meinung? Wir stehen schweigend in der Einfahrt, bis André kommt. Heute haben Mason und ich in der Kunstschule Zeichnen Unterricht. Ich habe gestern meinen Tanzunterricht ausfallen lassen, weil ich ihn verschlafen habe. Wir haben heute in der ersten Doppelstunde Kunst. Ich habe jetzt schon keine Lust mehr.

In der ersten Pause setze ich mich in der Klasse auf meinen Platz und sehe mir in dem Matheheft von einer Mitschülerin Gleichungen an, die wir machen sollten. Sie hat viele Fehler. Ich sitze still schweigend an meinem Platz und zeichne ein paar Figuren auf mein Blatt. Als nächstes haben wir Geschichte. Die Geschichtslehrerin ist einer meiner lieblings- Lehrerinnen. Vermutlich mag ich Geschichte deswegen so gerne. Die letzten zwei Stunden vergehen auch relativ schnell und wir gehen nach Hause. André will noch reiten gehen. Mama und Papa haben mir verboten in ihrer Abwesenheit zu reiten, aber das ist mir egal. Ich habe zwei Pferde und werde sie auch reiten! Ich sattle Jeany und steige in den Sattel. Ich reite langsam in Richtung Wald. Mason wollte mitkommen, aber er ist nirgendwo zu sehen, deswegen reite ich vor. Kurz bevor ich den Rand unseren Hofes erreicht habe, sehe ich, wie er mit Dusty um die Stall Ecke biegt und auf mich zu reitet. Ich halte an, damit er mich besser einholen kann, was aber auch ohne mein halten passiert wäre. Wir reiten in den Wald, zum See. Ich bin so erschöpft, dass ich, als wir absteigen, fast vom Pferd falle und mich auf den Boden plumsen lasse. Ich halte Jeany’s Zügel in der Hand und lege den Kopf in den Nacken. Ich sehe zwischen den Blättern, der Bäume, die Sonne und den blauen Himmel.

Also, Lena. Würdest du mir bitte sagen, was los ist?“, sagt Mason mit einer besorgten Stimme.

Ich..kann nicht. Das hat wirklich nichts mit dir zu tun. Ich…“, versuche ich. Ich kann ihm doch nicht von meinen Essstörungen erzählen. Dann würde er vermutlich noch zu meinen Eltern gehen und ich würde Ärger bekommen. Nein, ich muss mir schnell eine Ausrede erfinden.

Lena, was es auch ist, ich werde dir bestimmt nicht den Kopf abreißen. Komm, sag es mir.“, sagt er mit einer sanften Stimme. Nein!, warnt mich eine Stimme in meinen Gedanken.

Ich muss nach Hause. Ich muss noch Hausaufgaben machen.“, sage ich und stehe auf. Er hält mich am Handgelenk fest, aber ich reiße mich los und steige auf. Ich schulde niemandem irgendeine Antwort. Er war es doch, der mir gezeigt hat, dass ich etwas verändern muss. Ich galoppiere den Waldweg entlang zum Hof. Plötzlich wird mir schwindelig. Ich halte Jeany schlagartig an und steige ab. Meine Knie geben nach und ich sacke zusammen. Was ist los? Ich stehe langsam auf und ziehe mich gerade noch mit letzter Kraft in den Sattel. Ich beuge mich vor und umklammere Jeany’s Hals. Jeany läuft langsam nach Hause. Nach einer Weile hat mich Mason eingeholt. Ich gebe mir Mühe gerade im Sattel zu sitzen und so zu tun, als wäre nichts passiert. Mir ist wieder schwindelig. Ich glaube, es ist besser, wenn ich nach vorne lehne, aber ich darf mir nichts anmerken lassen! Ich schaffe es bis zu Hof und stelle Jeany in die Box. Wir müssen gleich los, zur Kunstschule. Ich kann nicht mehr. Mason und ich gehen ins Haus. Um meine Sammelmappe zu holen, muss ich die zwei Treppen hoch. Ich gehe langsam, eine Treppe nach der Anderen, aber kaum, dass ich die ersten zehn Stufen der Treppe in die Etage mit Mama und Papa’s Zimmern geschafft habe, muss ich mich hin setzen. Ich stütze meinen Kopf in die Hände.

Ist alles in Ordnung Lena?“, fragt Mason, der jetzt neben mir sitzt.

Klar.“, sage ich und stehe langsam auf. Ich gehe am Schlafzimmer meiner Eltern vorbei, zur nächsten Treppe. Ich kann nicht mehr. Ich muss mich hinsetzten. Ist jetzt eh egal. Ich setzte mich wieder auf eine Stufe. Dieses Mal lehne ich mich ans Geländer, der Treppe. Ich mache die Augen zu und stelle mir vor, wie ich gleich noch alles wieder runter gehen muss. Mir wird übel und ich renne zur Toilette von Mama und Papa’s Schlafzimmer.

Alles gut? Ich glaube, es ist besser, wenn du dich ausruhst. Komm, lass uns hoch gehen.“, sagt Mason. Er führt mich an der Hand, langsam zur Treppe. Mit der Anderen halte ich mich am Geländer fest. Ich schleppe mich Stufe für Stufe hoch. Oben angekommen, stütze ich mich ab, damit ich nicht zusammensacke. Ich schleppe mich noch fast zu meiner Zimmertür, aber da verliere ich schon das Gleichgewicht. Ich ziehe mich mit Masons Hilfe wieder auf die Beine und setze mich aufs Bett. Gestern ist Tante Chloé gefahren. Sie hat mich nicht einmal geweckt.

So, jetzt wirst du mir schön erzählen, was los ist.“,sagt Mason leicht gereizt.

Ich kann nicht. Ich…“ Ich breche in Tränen aus. Ich stecke mir den Finger in den Hals, damit ich dünner bin, als Melis. Ich möchte nämlich, dass… Dass was? Er mich wieder liebt?

Okay. Dann besprechen wir das ein andern mal. Schlaf ein wenig, du bist ja eh schon kurz davor.“, sagt Mason. Ich tue es, denn mir fällt nichts besseres ein.

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