Lena!“, Laura schimpft mit mir, weil ich zu spät bin. „Wo bleibst du denn? Wir warten schon eine halbe Ewigkeit auf dich!“

Jaja, die erste halbe Stunde läuft der Film doch eh nicht. Da ist doch eh nur Werbung.“, verteidige ich mich.

Hast recht, trotzdem warten wir schon ewig. Wenn du gleich nicht da bist, gehen wir!“, droht sie. Ich weiß aber genau, dass sie niemals gehen würde.

Jaja, ich bin schon in der Herbert – Klein- Straße. Ich bin in fünf Minuten da.“, versichere ich ihr.

Ich lege auf. Wir haben noch eine Woche Ferien. Vermutlich bekommen wir eine neue Schülerin. Heute wollen wir ins Kino. Mit wir sind Laura, ich und Maja, aus unserer Klasse gemeint. Ich bin ein wenig zu spät, weil ich noch Mama beim auspacken der Einkäufe geholfen habe. Ich gehe die Herbert – Klein – Straße entlang und biege dann in die Straße ein, wo das Kino ist. Davor stehen Laura und Maja.

Entschuldigung. Ich habe noch…“, weiter komme ich nicht, denn Laura nimmt mir das Wort.

Jaja, wir haben jetzt keine Zeit für weitere Verspätungen. Wir wollen nicht noch mehr verpassen.“, sagt sie spitz, aber ich weiß, wie Laura das meint.

Der Film ist ziemlich langweilig. Ich denke, ich wäre als Oma noch einmal hin gegangen, und hätte ihn mir angesehen. Wir gehen im mittlerweile dunklen die Straße entlang, zu Maja. Laura und ich bleiben heute Abend bei Maja. Wir wollen noch ein paar Filme sehen und müssen auf ihre kleine Schwester aufpassen, die gerade erst in die zweite Klasse gekommen ist. Maja ist acht Jahre älter als ihre Schwester. Ihre Eltern wollten heute Abend in die Oper und da haben wir gedacht, wir hätten Sturmfrei, aber falsch gedacht, denn wie gesagt, wir müssen auf Lina aufpassen. Lina ist die nervigste kleine Schwester, die ich je kennen gelernt habe.

Als erstes müssen wir uns ein Bettenlager aufbauen. Ich denke, in meinem Zimmer, vor dem Fernseher ist genügend Platz.“, sagt Maja. Ihr Zimmer ist riesig. Es ist das dreifache von meinem, und sie überlegt, ob es genug Platz gibt? Obwohl, als sie das Zeug heran schleppt, was wir alles auf dem Boden verteilen sollen, besteht schon ein wenig Platzt Mangel. Ich schmeiße meine Tasche auf das Sofa und breite eine Decke aus. Darauf kommen noch drei dicke Decken, damit es weich ist. Ich glaube, dass es Federdecken sind. Dann legen wir reichlich Kissen auf die Decken und noch mehr Decken. Wie sollen wir das bloß morgen aufräumen? Aber heute, ist heute und morgen, ist morgen. Heute machen wir uns erst einmal einen schönen Abend. Wir wollen einen Gruselfilm sehen. Ich hoffe, das ist nicht zu schlimm. Aber es gibt schon jetzt ein Problem, und das hat einen Namen. Lina. Sie will unbedingt bei uns schlafen.

Niemals du kleine Zicke!“, sagt Maja ärgerlich.

Doch, sonst sage ich Mama und Papa, dass du vorgestern mir nicht bei meinen Hausaufgaben geholfen hast, weil du telefonieren wolltest.“, zickt Lina Maja an. Maja muss Lina bei den Hausaufgaben helfen, und dafür bekommt sie pro Stunde von ihren Eltern zehn Euro. Ich würde es sofort machen, aber Maja ist total genervt davon.

Mama hat mir aber für den Tag kein Geld gegeben, weil ich ihr gesagt habe, dass ich dir nicht helfen will. Sie meinte, dass ich dann einfach sagen soll, wenn ich es weiter mache.“, sagt Maja. Ich denke, Lina hat es geglaubt, denn jetzt wird sie ganz rot vor Zorn und beginnt zu schreien.

Das ist nicht gerecht, dass du dir das einfach aussuchen darfst! Ich hasse dich! Und ich will deine Hilfe doch gar nicht, das war Mama die das wollte, weil ich einmal in einer Mathearbeit eine drei hatte. Ich brauche dich nicht“, schreit sie und rennt tränen überströmt aus dem Zimmer. Jetzt tut es auch Maja Leid.

Ich bin gleich wieder da.“, sagt sie und geht in Lina’s Zimmer.

Ich sehe Laura an und wir gehen zu Lina’s Zimmer und lauschen. Natürlich ist das nicht richtig, aber wir sind einfach zu neugierig.

Ich wollte nicht, dass du denkst, dass ich das nur für das blöde Geld mache.“, sagt Maja.

Mama hat gesagt, dass ich nicht gut genug bin.“, beklagt sich Lina.

Das stimmt doch gar nicht.“, versucht Maja ihre Schwester zu trösten.

Ich denke ich sollte zusehen, dass wir etwas zu essen haben, deswegen tippe ich die zu tränen gerührte Laura an, und deute auf meinen Magen. Sie weiß sofort, was gemeint ist. Wir gehen schnell zum Supermarkt, und kaufen uns etwas zu essen. Natürlich für den Film. Als wir wieder zurück kommen, ist Lina wieder bestens gelaunt.

Ich habe ihr gesagt, dass sie bei uns schlafen darf.“, sagt Maja. „Wir bringen sie einfach in ihr Bett sobald sie schläft. Und dann gucken wir den Film.“

Gute Idee.“, sagt Laura und ich nicke.

Um halb zehn, tun wir so, als würden wir schlafen wollen.

Wir legen uns auf die Decken und kuscheln uns ein. Laura und ich schlafen nebeneinander, dann Maja und zum Schluss Lina. Wir machen das Licht aus und warten. Es ist schwer nicht ein zu schlafen, wo man schon so schön liegt. Nach einer halben Stunde, machen wir das Licht wieder an, aber nicht nur Lina schläft, sondern Laura auch. Naja ist ja auch egal. Vielleicht reicht ein Film auch.

Bringst du sie weg?“, frage ich Maja und sie nickt zur Bestätigung. Sie hebt Lina hoch und geht in den Flur. Ich folge ihr, denn da ist das nächste Problem. Sie kann die Tür nicht öffnen. Ich gehe an ihr vorbei und mache die Tür auf. Sie bringt Lina ins Bett, und wir setzten uns ins Wohnzimmer, schließlich müssen die Chips noch gegessen werden. Wir gehen um elf Uhr ins Bett. Ganz knapp, hätten uns Maja’s Eltern erwischt. Was heißt erwischt? Eigentlich dürfen wir das ja, aber man hat doch so ein Schuldgefühl. Ich schlafe schnell ein, denn ich bin heute Morgen viel zu früh aufgewacht.

Und wie gestern, wache ich auch heute wieder früh auf. Um sieben Uhr. Wieso schaffe ich es nicht ein mal aus zu schlafen? Laura ist auch schon wach. Und keine zehn Minuten später, wacht auch Maja von Lina’s Geschrei auf. Lina weckt morgens immer das ganze Haus, deswegen werden wir nächstes mal bei mir übernachten, bei Laura geht es auch nicht, denn sie hat einen zehn jährigen kleinen Bruder. Wenigstens habe ich einen älteren Bruder, der ausschlafen will. Um neun Uhr muss ich nach hause, denn vor Schulbeginn ist bei uns immer viel los. Mama verlangt immer, jedes Jahr, dass wir unser Arbeitszimmer ausmisten. Da muss alles in den Müll, was nicht notwendig ist, oder es kommt in unser Zimmer. Ich schmeiße ein paar alte Hefte und Blätter weg. Bei Sebastian, ist es das halbe Zimmer. Nach zwei Stunden, bin ich fertig. Ich schmeiße alles weg, was weg muss und versuche mich raus, zu Jeany zu schleichen, aber das wird nichts, wenn Mama sich etwas in den Kopf gesetzt hat.

Wo willst du denn hin? Doch nicht etwa den Stall ausmisten?“, sagt Mama.

Ich mache auf dem Absatz kehrt und gehe wieder ins Haus. Wieso muss ich das tun? Wieso muss kein Anderer meiner Freunde das tun? Ich stapfe die Stufen hoch und fange an nun alles in meinem Zimmer aus zu misten, dann im Bad und dann im Kleiderschrank. Zum Schluss müssen Sebastian und ich noch unser Filmzimmer fegen, staubsaugen und wischen. Fertig? Noch lange nicht! Denn jetzt, wo wir beide über 15 sind, müssen wir die Küche und das Wohnzimmer putzen. Der Rasen muss gemäht werden und der Bux zurück geschnitten. Das Unkraut gejätet und gehackt werden. Ich freue mich jetzt schon auf die Schule. Um sechs Uhr Abends bin ich fertig. Na super, jetzt wird es wohl nichts mehr mit reiten. Ich setzte mich aufs Bett und zeichne. Um halb sieben klingelt es. Ich höre, wie jemand die Tür auf macht. Normalerweise, bin ich neugierig, und gehe runter, um zu sehen, wer es ist. Heute nicht. Denn heute weiß ich, wer es ist. Es sind die Leute vom Stammtisch. Ich mag die nicht. Sie kommen immer und fragen, wie es in der Schule ist. Immer das gleiche. Da war sogar Omas Strickclub besser. Die Omis aus dem Strickclub haben immer gesagt, dass es ja nur noch ein paar Jahre sind, und ich dann nicht mehr zur Schule muss, und dass ein paar Ausrutscher ja nichts wildes seien. Es klopft. Ich reagiere nicht, denn manchmal verirren sich Mamas und Papas Gäste im Haus, und wenn man nicht ,herein‘ sagt, denken sie, wenn sie rein kommen, dass man beschäftigt ist und reden nicht so lange und fragen schon gar nicht, wie es in der Schule ist. Wie immer kommt derjenige, der vor der Tür steht, ins Zimmer, um sich zu entschuldigen. Doch gerade, als die Tür aufgeht, und ich bemüht vertieft auf meine Zeichnung sehe, und eine Entschuldigung erwarte, sehe ich, wer es ist. Es ist Mamas beste Freundin. Und anstatt sich zu entschuldigen, kommt sie rein und setzt sich zu mir aufs Bett. Ich sehe hoch, und sehe sie genervt an. Sie merkt es trotzdem nicht.

Na, machst du schon was für die Schule? Wie war denn das Zeugnis?“, fragt sie.

Nein. Gut.“, antworte ich kurz.

Ist denn jemand sitzen geblieben?“, fragt sie weiter.

Nein.“, antworte ich wieder.

Freust du dich denn schon?“, fragt sie wieder. Kann sie nicht mal gehen?

Ja.“, muss ich mir raus zwängen.

Nach weiteren nervigen Fragen geht sie. Gerade, als sie die Tür zu macht, ist sie schon wieder auf. Ich sehe genervt von meinem Blatt auf, aber dieses mal freue ich mich.

Wer war das?“, fragt Mason.

Mamas beste Freundin. Die hat mich vielleicht genervt.“, erzähle ich von meinem unerwünschtem Besuch.

Kann ich mir denken.“, sagt Mason.

Was machst du? Also was hat dich dazu gebracht, zu kommen?“, frage ich.

Die Tatsache, dass wir uns seit zweieinhalb Tagen nicht mehr gesehen haben.“, antwortet er und küsst mich. Ich muss lachen. Das habe ich nicht erwartet. Wir setzen uns auf mein Bett und malen uns aus, wann wir das nächste mal zu Ada, sie besuchen gehen können. Ich habe schon zwei mal seit unserer Rückkehr mit ihr telefoniert. Wir reden noch eine ganze Weile, dann gehen wir auf Masons Wunsch runter in die Küche, um uns etwas zu trinken zu holen. Na super. Da unten sitzen bestimmt 15 Menschen. Ich bahne mir den Weg zur Küche und wieder fragen mehrere Stimmen um mich herum im Chor: „Na, wie ist das Zeugnis gewesen?“

Ich antworte mit : „zwei sechs.“ natürlich wissen die Meisten, was ich meine. Für die, die es nicht verstehen, sage ich noch einmal extra : „ Einen Durchschnitt von 2,6.“

Wir nehmen uns zwei Liter Wasser mit in mein Zimmer, denn ich habe keine Lust, noch einmal runter zu müssen.

Mason wird heute bei uns übernachten, denn seine Schwester hat Besuch und er hat keine Lust, morgen schon früh vom Lärm wach zu werden. Obwohl, seine Schwester ja auch nicht mehr ganz so klein ist, wie die von Maja. Ich glaube, Johannah ist 13 oder 14 Jahre alt. Jedenfalls eine Klasse unter mir. Als wir schlafen gehen, bin ich so müde, dass ich nicht mal mehr weiß, wie spät es war. Ich wache spät auf. Das erste mal seit Tagen. Ich sehe an die Decke. Da ist keine Spinne. In meinem Zimmer sind generell keine Spinnen. Meine Mutter saugt sie mit dem Staubsauger immer weg. Ich setze mich hin. Wo in unserem Haus, habe ich je eine Spinne gesehen? In meiner Badewanne, in der Spüle und im Keller. Natürlich auch so hin und wieder eine kleine, aber die sind lustig. Ich stehe auf. Kellerspinnen. Für mich das schlimmste, was es in meinem 15 Jährigen Leben gibt. Mal abgesehen von wirklich schlimmen Sachen. In meiner Badewanne, ist auch keine Spinne. Wo ist Mason? Ich sehe auf die Uhr. Halb elf. Er ist vermutlich im Stall, oder Zuhause. Das glaube ich aber eher weniger, dass er da ist, denn Johannah’s Freundin ist bestimmt noch nicht weg. Ich putze mir die Zähne und sehe in mein Gesicht. Ich sehe meine Wangen. Ich mag sie nicht, denn sie wirken so aufgeplustert. Mama sagt immer, dass es noch mein kindliches Gesicht sei, aber ich bin mittlerweile 15! Ich schminke mich. Wie jeden Morgen. Ich ziehe mich um, und gehe raus. Draußen ist es warm und sonnig. Super Wetter, um joggen zu gehen, denke ich, werfe die Idee aber in meinem Gedächtnis, in den Papierkorb. Ich sehe, in dem Moment, wie Mama um die Ecke unseres Hauses biegt, mich sieht und auf mich zu läuft.

Guten Morgen! Mason, Johannah und seine Eltern haben wir für heute Abend zum Essen eingeladen. Wir gehen ins Meer Restaurant. Ich konnte mir den Namen schon wieder nicht merken.“, sagt meine Mutter ohne eine Unterbrechung. Den Namen des Restaurants kann sich von uns keiner merken. Ich nicke kurz, gehe an ihr vorbei, und hoffe, dass sie nichts sagt. Falsch gehofft.

Und habe ich dir nicht letztens noch gesagt, dass du deine zwei Boxen ausmisten sollst, und den Reitplatz harken? Auf, auf, meine Liebe. Die Pferde warten nicht gerne in solchen Verhältnissen.“,sagt sie. Letztens ist drei Wochen her, und seit dem habe ich schon 12 Mal ausgemistet. Ich gehe in den Stall und miste aus. Ich bringe den Mist zu Misthaufen, und mache die Box zu. Gerade, als ich die Treppe hoch zu Heuboden gehen will, kommt Johannah zu mir.

Hast du Mason gesehen?“, fragt sie mich.

Nein, wieso?“, frage ich sie.

Ich wollte mir Dusty ausborgen, aber ich finde Mason einfach nicht.“, sagt sie. Seit wann hat sie denn Interesse am Reiten? Sie reitet doch schon nicht mehr, seitdem sie neun ist.

Ich kann dir Black Rose geben. Mit Jeany wollte ich gleich selber noch reiten.“, biete ich ihr an.

Oh, das wäre super, denn ich wollte zur Wanderhütte. Ich weiß aber nicht, mit welchem Pferd ich dort hin soll.“, erklärt sie.

Klar, du kannst gerne Black Rose nehmen.“, sage ich noch einmal.

Ich gehe ins Haus, hole ein Buch, dass ich noch nicht gelesen habe und gehe auf den Heuboden. Als ich da oben bin, entdecke ich eine weinende Anna.

Oh, was ist denn los“, frage ich sie. Sie sieht mich mit ihren feuchten Augen an und fängt wieder an zu weinen.

Peggy ist weg.“, sagt sie. Peggy ist ihr Pferd. Pony.

Komm, wir suchen sie. Sie kann doch nicht weg sein.“, versuche ich sie auf zu heitern. Wir steigen die Leiter hinab, und laufen in verschiedene Richtungen, um in einem größeren Bereich suchen zu können. Ich nehme mein Handy aus der Tasche, und rufe André an.

Hey, Lena!“, sagt er.

Hallo André, ich habe ein Problem. Peggy ist weg. Anna ist total fertig. Könntest du sie beruhigen oder mit suchen?“, frage ich.

Oh, klar. Ich bin gleich da. Könntest du ein wenig auf Anna aufpassen, denn wenn es um Peggy geht, kann es sein, dass sie ein Pferd sattelt um Peggy suchen zu gehen.“, warnt er mich.

Ich gehe zurück in den Stall, wo ich André’s Pferd auf der Stallgasse stehen sehe, und dahinter Anna.

Anna, lass den Blödsinn, komm her und wir finden ein Pony für dich, wo du besser nach Peggy suchen kannst. Los, komm.“, sage ich. Sie bringt Lulu wieder in die Box und kommt hinter mir her. Ich gehe zur Box von einem unserer besten Schulpferde, und überlasse es Anna. Schnell sattle ich Jeany und steige auf, als Anna fertig ist. Wir reiten zusammen in den Wald. Wir sehen nach links und rechts, doch nirgendwo sehe ich Peggy. Mittlerweile ist Winnetou auch bei uns. Er läuft neben Jeany her und sieht mich an, ob ich ihm ein Leckerli zu werfe. Ich bin aber viel zu beschäftigt, um darauf zu reagieren. Nach einer Weile beschließen wir um zu kehren und Anna sieht hoffnungslos zu Boden. Das tut mir Leid, aber ich versuche ihr bestmöglich zu helfen. Auf dem Hof, ist viel los. Sebastian, Mama, Papa, Laura, Johannah, Mason, André und seine Eltern suchen überall Peggy. Wir bringen die Pferde in den Stall und suchen mit.

Ich hab ihn!“, ruft André. Alle sehen ihn an. Er hält Peggy an einem Strick fest.

Oh Peggy!“, höre ich Anna rufen. „Wo warst du denn nur? André, wo hast du ihn gefunden?“

Auf der Wiese. Er stand im letzten Viertel hinter dem Gestrüpp.“ Wir fangen wie auf Komando an zu lachen. Dann gehen Mama und die Anderen Eltern in unseren Garten und essen Kuchen wir gehen zu sechst in mein Zimmer, setzten uns in einen Kreis, und spielen auf Johannah’s Wunsch hin Wahrheit oder Pflicht. Wir nehmen meine Pfandflasche und drehen sie. Der Flaschenhals deutet auf Anna.

Wahrheit oder Pflicht?“, fragen wir. Wahrheit.

Hast du schon einmal etwas verbotenes getan?“, fragt Johannah.

Ja.“, gesteht Anna. Die sonst so liebe Anna hat schon mal etwas verbotenes getan.

Anna dreht die Flasche. Sie zeigt auf André. Wahrheit.

In wen bist du verliebt?“, fragt sie. „Ich habe heraus gefunden, dass er verliebt ist.“

Das ist nicht fair!“, versucht André zu entkommen, aber wir zeigen kein Erbarmen.

Ich, also.. ich bin in… L…La…L…Laura verliebt.“, gesteht er. Ich sehe, wie er den Kopf senkt. Als ich Laura ansehe, sehe ich, wie sie versucht ein Lächeln versucht zu verstecken.

André dreht. Ich. Ich wähle Pflicht. Das wird mir zum Verhängnis.

Du musst auf einer Skala von eins bis zehn einstufen, wie viel Angst du vor Spinnen hast, oder eine auf die Hand nehmen.“, stellt André mir meine Aufgabe. Ich denke eine Spinne an zu fassen, ist schlimmer, also nehme ich das mit der Skala und sage zehn. Alle sehen mich erstaunt an. Wieso denn? Jeder hat vor etwas Angst. Ich drehe die Flasche und sie zeigt auf Johannah. Pflicht.

Wovor hast du am meisten Angst?“, frage ich. Sie sieht sich ein wenig unsicher um und dann fängt sie an zu zittern. Sie tut mir Leid, und ich will mich doch noch für eine Andere Frage entscheiden, aber da fängt sie schon an zu reden.

Ich habe Angst vor… also … naja…vor Mäusen.“, gesteht sie. Mäuse? Okay, mein Angstgegenstand ist noch kleiner, aber Mäuse?

Johannah dreht die Flasche. Laura. Wahrheit.

Wieso hast du in den Ferien so wenig Zeit gehabt?“, fragt Johannah.

Muss das schon jetzt sein? Ich wollte es euch noch sagen.“, sagt sie ein wenig zögerlich.

Also gut, wir räumen das Haus aus, denn wir ziehen um. Wir werden nach Köln gehen.“ Ich lache. So eine dumme Lüge, habe ich bei diesem Spiel noch nie gehört. André geht aus dem Zimmer. Mason sieht zu Boden. Meint sie es ernst? Vermutlich, denn jetzt stehen alle auf und gehen nach unten. Mason, Laura und ich bleiben und schweigen.

Meinst du es ernst?“, frage ich betrübt.

Ja.“, sagt sie.

Und wann hast du geplant es uns zu sagen?“, frage ich weiter.

Drei Wochen, bevor wir gehen, aber es hat sie alles verschoben, und wir gehen doch schon in drei Tagen.“ Ich sehe sie fassungslos an. Wie konnte sie so etwas nur verschweigen? Ich gehe aus dem Zimmer, hole Jeany und reite in den Wald. Das tut gut, denn allein dieser schöne Geruch nach Pilzen und nasser Erde, riecht gut. Ich reite einen schmalen Pfad entlang, den ich noch nie bemerkt habe. Bis Schulbeginn sind es noch drei freie Tage. Am vierten, das ist ein Mittwoch, müssen wir wieder zur Schule.wie konnte sie uns das nur verschweigen. Ich weine, denn ich will nicht, dass sie geht. Sie ist meine beste Freundin. Was soll ich machen? Warten, dass sie geht, ihr hinterher winken und sie vergessen? Niemals! Da der Pfad, den ich entlang reite, nicht zu enden scheint, beschließe ich zurück zu kehren. Es ist bestimmt schon eine Stunde um. Mein Handy klingelt. Es ist Mama.

Hallo Mama.“, sage ich.

„Hallo Schätzchen. Könntest du dich etwas beeilen, denn wir würden gerne in einer Stunde zu Meer Restaurant.“ Ach ja, das gab es ja auch noch.

„Gut, ich bin in spätestens einer halben Stunde da.“, sage ich und lege auf.

Ich galoppiere den Pfad zurück, denn er hat überhaupt keine Hindernisse.

Zuhause angekommen, bringe ich Jeany in den Stall und gehe ins Haus. Mama hat sich schon um gezogen. Papa ist gerade dabei seine Krawatte zu binden. Wie unnötig. Außerdem sieht es bei ihm immer so dumm aus. Es steht ihm einfach nicht. Ich gehe hoch, in mein Zimmer und suche mir auch etwas schönes heraus. Ich denke ich nehme das schwarze knie lange Kleid aus dem Schrank mit der weißen Schleife. Als ich es anziehe jedoch, sieht es ein wenig zu kitschig aus. Ich nehme ein schwarzes, knie langes Kleid aus dem Schrank und ziehe es an. Es ist rückenfrei und hat keine Schleife. Es ist perfekt. Ich ziehe dazu noch meine schwarzen Ballerinas an und gehe nach unten, wo mich Sebastian in einem Anzug erwartet. Anzug? Was ist denn bei dem falsch? Ich mustre ihn und gehe dann zu unserem Auto. Welches nehmen wir denn überhaupt?

„Mama, welches Auto nehmen wir?“, rufe ich ihr zu.

„Das große!“, antwortet sie.

„Aber da passen wir doch gar nicht zu acht rein!“, rufe ich wieder. Sie kommt aus dem Haus und stellt sich zu mir in den Garageneingang.

„Michael kommt nach.“, erklärt sie mir. Michael ist Masons Vater.

„Ach so, dann passen wir rein.“, sage ich,nehme mir vom Schlüsselbrett den Schlüssel und fahre das Auto aus der Garage. Ich habe noch keinen Führerschein, aber da wir uns auf einem Privatgrundstück befinden, macht das nichts und Papa hat mir beigebracht, wie ich Auto fahre. Natürlich nicht professionell, aber ich kann immerhin fahren. Ich setze mich nach ganz hinten. Neben mir sitzt Sebastian. Ganz vorne sitzen Mama am Steuer und Papa auf dem Beifahrersitz. Die Reihe in der Mitte ist für Jane, Johannah und Mason. Als erstes fahren wir zu Mason nach Hause und holen die drei ab. Dann fahren wir, wie ein Tag bevor Mason und ich nach Amerika geflogen sind, zum Parkplatz am Steg und fahren heute mit zwei Booten zum Restaurant. Wir setzen uns an einen für uns reservierten Tisch. Wir bekommen Speisekarten, und bestellen. Ich bestelle einen Auflauf. Nadelauflauf.

„Na, jetzt sind die Ferien schon bald um.“, sagt Jane und erinnert mich an den unschönen Teil der Woche. Wenn sie fragt, wie es in der Schule ist, stört mich das nicht, denn ich weiß, dass es die wirklich interessiert und sie sich wirklich Gedanken darüber macht und nicht einfach Gesprächsstoff haben will. Ich seufze und auch Johannah und Mason lassen einen Seufzer nicht aus. Mama, Papa und Jane reden ohne Pause. Als dann das Essen kommt, wird es schon besser.

„Nur noch zwei Tage. Heute zähle ich nicht mehr mit.“, bemerke ich und Mason nickt. Johannah ist zu sehr damit beschäftigt ihre Pommes in den Ketchup zu tunken. Ich schneide mir ein Stück von meinem Auflauf ab und nehme ihn in den Mund. Lecker. Es ist nicht zu salzig und hat doch noch so eine tomatige Note.

„Was machen wir jetzt eigentlich, wenn Laura weg ist?“, fragt Mason.

„Was sollen wir schon machen? Das Leben geht weiter, so blöd das jetzt klingt. Ich mag Laura, aber wenn ihre Eltern umziehen wollen, sollen sie das machen. Das heißt aber nicht, dass ich sie nie wieder sehen werde, oder dass wir uns nicht schreiben. Ich esse weiter.

„Was machen wir mit André? Ich meine…“, ich weiß, was er meint. André hat gerade gestanden, dass er in Laura verliebt ist und dann sagt sie, dass sie umziehen. Ich weiß, dass es für Laura auch nicht leicht ist, denn sie ist, auch wenn sie es nicht zu gibt, genauso in ihn verliebt. Ich kann nicht mehr. Ich schiebe den Teller von mir weg, lege die Gabel hin, nehme mir mein mit Wasser gefülltes Glas und trinke. Um halb neun fahren wir nach Hause. Michael hat es nicht mehr geschafft zu kommen, und bleibt heute Nacht in einem Hotel. Er ist oft auf Geschäftsreisen. Wir bringen Mason, Johannah und Jane nach Hause.

„Danke, und bis dem nächst.“, sagt Jane mit einem Lächeln auf den Lippen. Ich lächle zurück und erwidre den Abschied mit einem nicken. Bei uns Zuhause angekommen, falle ich ins Bett und schlafe sofort ein. Natürlich erst nachdem ich mich umgezogen habe.

Leave a Reply