Lena, aufwachen. Wir wollten doch reiten gehen, in der Zeit, wo Willi und Sarah auf Ada aufpassen.“, erinnert mich Mason an unsere Abmachung. Ich habe ganz vergessen, mir einen Wecker zu stellen, denn nun ist es halb ein und wir haben nur noch zweieinhalb Stunden. Ich will aber nicht aufstehen. Ich mache die Augen wieder zu, und schlafe weiter. Gestern war es halb vier, als wir schlafen gegangen sind. Halb vier. Ich schlafe wieder ein.

Lena!“, ruft Mason ärgerlich, „Wir wollten ausreiten! Los, steh auf!“

Nö, denke ich innerlich. Es ist erst halb elf. Sieben Stunden, sind zu wenig für mich. Ich brauche acht bis neun Stunden. Nun versucht er es etwas netter. Ich schlafe immer noch. Er dreht mich zu ihm und streicht mir das Haar aus meinem Gesicht, was mir so egal ist, denn ich schlafe. Zumindest versuche ich es. Nun küsst er mich. HALLO? Was versteht er an dem Wort : schlafen, nicht? Ich will nicht auf stehen. Als er merkt, dass auch das nichts hilft, schreit er laut: „Lena, pass auf, da seilt sich gerade eine Spinne über deinem Kopf von der Decke ab!“ Mit einem Satz liege ich neben dem Bett. Ich schreie ihn an, dass ich das nicht lustig finde, aber ich denke, dass sieht er anders.

Nun sind schon zehn Tage um und in zwei Tagen, kommt Ada ins Kinderheim. Ich denke da hat sie es gut, doch bei dem Gedanken alleine schon, wird mir flau im Magen und ich kann beim Frühstück nichts essen.

Lena, warum isst du nichts?“, fragt Mason.

Weil ich keinen Hunger habe.“, antworte ich spitz, denn ich bin immer noch sauer, wegen der Spinne. Das ist nicht fair, die Ängste anderer zum eigenen Nutzen zu machen!

Das wegen der Spinne tut mir Leid, aber es hat funktioniert.“ Sagt er sehr zufrieden, mit sich selbst. Ich bin immer noch sauer. Ich stehe auf, und geh ins Schlafzimmer. Schnell ziehe ich mir meine Alltags Kleidung an, und gehe auf die Terrasse.

Lena, es tut mir wirklich Leid, ich wollte nur, dass du wach wirst. Und ich meine, da war doch eh keine Spinne.“, sagt er ein wenig verzweifelt, aber ich bin immer noch nicht zufrieden mit seiner Entschuldigung. Ich will nicht, dass man in meine Schwachstellen trifft. Und das auch noch extra. Um was?

Lena, bitte rede wenigstens etwas!“, kurz vorm Durchdrehen.

ES TUT MIR LEID!“, durchgedreht. Perfekt. Jetzt nur noch das richtige antworten…

Okay. Ist nicht so schlimm.“, sage ich kühl. Ich gehe wieder ins Haus, nehme mir aus meinem Koffer mein Buch und setzte mich aufs Sofa. Um zwei Uhr kommt Ada wieder, denn sie wollte bei Willi und Sarah nicht schlafen. Sie kommt auf mich zu gerannt, als hätten wir uns zehn Jahre nicht gesehen. Ich fange sie auf, und wirble sie in der Luft umher. Sie lacht, und ich freue mich, dass sie glücklich ist. Ich bringe sie ins Bett, und lege mich neben sie. Nach wenigen Minuten, bin ich eingeschlafen und als ich aufwache, ist Ada weg. Auf der Uhr, steht deutlich zu erkennen die Zahl fünf. Was! Schon fünf Uhr? Wieso hat Mason mich denn nicht geweckt? Oh, jetzt erst erinnere ich mich an heute Morgen. Nur, dass gerade auf der Decke von Mason eine Kellerspinne herum krabbelt. Sie kommt nicht zu mir. Zum Glück! Ich fange an zu schreien, und kann mich keinen Millimeter bewegen. Auf einmal kommt die Spinne zu mir gekabelt. Ich sehe noch, wie Mason ins Zimmer rennt, da bin ich weg. Mal wieder. Wieso passiert das immer mir? Ich höre Stimmen. Ich höre Ada weinen, und Mason versucht sie zu beruhigen. Ich will aufwachen, aber es geht nicht. Ich will nicht, dass Ada Angst hat. Irgendwann wache ich wieder auf, aber ich höre nicht mehr Ada weinen. Als ich die Augen auf mache, sehe ich Mason. Wo bin ich? Das ist nicht das Schlafzimmer. So eine weiße Decke kenne ich doch und auch das Bild, dass Mason neben mir auf einem Stuhl sitzt.

Oh nein! Das kann doch nicht wahr sein! Er hat mich echt ins Krankenhaus bringen lassen? Das alles nur wegen einer blöden Spinne! Was soll das? Das ist doof. Ins Krankenhaus kommt man schnell, aber wieder heraus…

Lena!“, Mason klingt erfreut, als er merkt, dass ich wach werde. „Es tut mir Leid, dass ich dich Vorgestern mit der Spinne erschreckt habe, ich wollte nicht, dass du sauer bist. Es tut mir Leid! Ich….“ Den Rest höre ich nicht mehr, denn ich bin Gedanklich wo anders. Vorgestern? Was ist denn passiert? Wieso bin ich hier, wieso bin ich erst nach zwei Tagen wieder zu mir gekommen?

..ich wollte nicht, dass es so wird.“, vervollständigt Mason seine Rede.

Was ist passiert?“, frage ich.

Das habe ich doch gerade alles erzählt.“, sagt Mason.

Entschuldigung, ich habe nicht zu gehört.“, gestehe ich.

Als ich kam, standest du an der Wand, auf einem Stuhl und hast geschrien. Ich wollte dich fangen, aber ich war einen Ticken zu spät, und du bist umgekippt und mit dem Kopf gegen die Bettkante gestoßen. Es ist nichts passiert, aber es hat ziemlich viel geblutet. Und dann kam Ada rein. Sie hat angefangen zu schreien und hat geweint. Ich habe den Not- Knopf gedrückt und Sarah und Willi sind gekommen. Willi hat Ada raus gebracht und Sarah hat den Notarzt gerufen.“, erzählt Mason.

Wo ist Ada?“, frage ich, aber es ist ziemlich anstrengend zu sprechen.

Das Jugendamt hat sie abgeholt und ins Kinderheim gebracht. Sie wollte dich sehen und dir tschüss sagen und ich habe ihr versprochen, dass wir sie noch einmal besuchen kommen.“

Oh nein! Sie können sie doch nicht einfach mitnehmen. Doch, leider schon.

Seit wann sitzt du hier?“, frage ich. Das hatte ich nach meinem Unfall im Mai auch gefragt.

Seit gestern. Vorher haben sie mich nicht rein gelassen.“,sagt er. Ich hätte nie gedacht, dass er den ganzen Tag neben mir sitzt. Ich versuche langsam aufzustehen, aber sobald ich stehe, wird mir schwindelig. Mason ist sofort neben mir und geht mit mir langsam ins Bad. Ich sehe in den Spiegel und sehe eine genähte Wunde auf meiner Stirn. Sofort wird mir übel. Ich gehe wieder ins Bett und weiß nicht, was ich machen soll.

Wann kann ich hier wieder raus?“,frage ich.

Heute Abend.“, sagt Mason.

Und wie spät ist es?“

Halb drei.“, antwortet Mason.

Halb drei. Abend ist ungefair um sechs. Ich schlafe wieder ein. Ich träume von meinen Eltern. Sie stehen an meinem Bett und schütteln den Kopf. Sie wollen, dass ich eine Angsttherapie mache. Ich will aber nicht. Ich will lieber mit meiner Angst vor Spinnen leben, als eine Therapie zu machen, wo ich sie noch anfassen muss. Das kann ich nicht. Ich werde von Mason geweckt.

Was ist passiert, Lena?“, fragt Mason ein wenig besorgt.

Nicht so schlimm.“, sage ich, aber das ist gelogen und das weiß er auch.

Glaube ich nicht.“, sagt er und deutet auf meinen nassen Haaransatz.

Ich habe nur schlecht geträumt.“, sage ich, denn ich will nicht, dass er weiß, wie viel Angst ich wirklich vor Spinnen habe.

Um sieben Uhr, gehen wir nach hause. Es ist ein komisches Gefühl, in die Wohnung zu kommen, und Ada nicht zu sehen. Ich setzte mich mit Mason aufs Sofa und sehe mir einen Film an, von dem ich nichts verstehe, weil er auf englisch ist. Um zehn Uhr beschließe ich ins Bett zu gehen. Ich steh vom Sofa auf und mir wird sofort schwindelig. Ich versuch mir nichts anmerken zu lassen, aber als ich gerade an der Tür zum Flur stehe, ist es so schlimm, dass ich mich Reflex mäßig am Türrahmen abstütze und langsam auf den Boden setzte. Sofort ist Mason bei mir. Er hebt mich hoch und trägt mich die Treppen hoch. Ich verstehe das nicht. Wieso bin ich nur immer die Schwache? Ich will auch mal Anderen helfen, aber auch Schulsanitäterin werden kann ich nicht, denn ich kann kein Blut sehen. Mason deckt mich zu und legt sich zu mir. Es ist nur noch ein Tag, den wir hier sind.

Morgen müssen wir Kofferpacken.

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