Ich glaube jeder vernünftige Jugendliche in unserem Alter hat das Verlangen auf Abenteuer- sich ein Auto zu nehmen und einfach ans Meer zu fahren. Aber wie viele machen das schon? Ich auf jeden Fall nicht. Ich meine, vielleicht würde ich sogar machen, hätte ich nicht langweilige Freunde, langweilige Eltern und ein langweiliges Leben. Ich denke natürlich oft daran, dass Gott oder wer auch immer mir ein Leben schenkte, dass er anderen nicht gab, trotzdem will ich ein spannenderes Leben, ein Leben wo ich auf alle Konsequenz scheiße und wo ich wirklich Spaß habe. Ich würde gern ans Meer. Ich kann noch nicht mal Auto fahren, wie soll ich dann erst den Weg zum Meer finden? Und alleine? „Ska! Kommst du bitte Essen!“ reißt mich meine Mutter mich aus meinen tiefgründigen Gedanken. Sie ist ebenfalls langweilig, sie hat einen Mann, zwei Kinder, zwei Autos und was eine Spießermutter noch alles so glücklich macht. Ich schlüpfe gelangweilt in meine riesen Plüschschuhe und schlurfe die Treppe hinunter zur Küche, auf dem Weg schaue ich durch das Fenster, erschreckender Weise ist es draußen schon komplett düster. Mama macht eigentlich immer passend um sechs Uhr Abendbrot, doch jetzt ist es dunkel und morgen ist Schule, irgendwas stimmt da doch nicht. Mit einem fragenden Blick schiebe ich mich auf den Stuhl neben meiner Schwester. Auf dem Tisch steht das übliche, Butter, Brotaufstrich, Brot, Baguette und sonst alles was dazu gehört. Mit einer routinierten Bewegung schubse ich eine Scheibe Brot auf meinen Teller und bestreiche sie mit Butter, ich blicke auf, um zu schauen was ich drauf essen soll, als ich bemerke das alle mich entgeistert angucken. Achja, wir hatten noch nicht gebetet. „Tschuldigung“ murmle ich und fange direkt an ein Abendgebet laut zu sprechen.“Lieber Jesus, den Sohn des Herrn, wir danken dir für das Brot was du uns gibst. Gib uns Gnade. Guten Appetit“ ich kann keine Gebete. „Wenn du schon kein Gebet auswendig kannst, hättest du dir wenigstens ein wenig mehr Mühe bei deiner Wortwahl geben können!“ sie bemängelt mich immer, irgendwann wurde es mir egal, also schweige ich, ich hatte sowieso nie die Chance dazu noch etwas zu sagen, weil sie immer sofort weiter redet:“Nja, darum geht es uns heute aber auch gar nicht. Euer Vater hatte die schöne Idee, dass wir in den ersten zwei Wochen der Ferien zur Ostsee fahren“ wie konnte sie bei diesem Satz so erfreut klingen? Sie weiß doch ganz genau, dass sie so den Zorn ihrer Kinder auf sich zieht. „ Mama, die Sache ist die: Ich bin 1. verabredet und 2. habe ich keine Lust einen von unseren schönen Familien Ausflügen zu machen“ meine Schwester traut sich immer meiner Mutter eiskalt ihre Meinung zu sagen, während ich so ziemlich alles mache was meine Mutter sagt. Wie gesagt: langweiliges Leben. Meine Mutter schaut einen Moment auf ihren leeren Teller und auf die Gabel, die von dem Licht der Lampe schön glänzt, dann öffnet sie ihren Mund einen halben Millimeter:“Ich bin etwas erschüttert, dass du direkt so negativ denkst, aber“ meine Schwester unterbricht sie „Wie soll man in dieser Zwangsanstalt denn nicht depressiv werden“ sie meint das nicht so, halt nicht wörtlich. „Nun hör mir doch erst mal zu“ damit übernimmt meine Mutter wieder das Wort „Da wir, euer Vater und ich, uns schon dachten, dass ihr so reagieren würdet, haben wir uns bereits etwas für euch ausgedacht. Ska, du bist schon vierzehn und du Mila, bist schon siebzehn, also fast volljährig. Damit wir das machen können müssen wir uns total auf euch verlassen können- sonst lassen wir euch nicht zwei Wochen allein in unserem Haus!“ sie grinst leicht. Das konnte nicht meine Mutter sein, die uns grad zwei Wochen sturmfrei gegeben hatte! „Können wir uns auf euch verlassen?“ fragt sie uns mit einem eindringlichen Blick in Milas Augen. „Jaa! Das könnt ihr“ verspreche ich ihnen schon voller Vorfreude.
„mila?“
„Ja! Klar, ihr könnt euch auf uns verlassen, wir sind brave Kinder“
„Und ihr füttert die Katzen?“
„Ja“
„Räumt das benutzte Geschirr selbstständig in die Spülmaschine ein?“
„Ja!“
„Esst nicht zu viel ungesundes?“
„JAA!“
„okay…“ meine Mutter sieht etwas zweifelnd aus, aber das kann ich verstehen, ich würde meine Kinder auch nur ungern zwei Wochen alleine lassen- vor allem bei so einer Party Maus wie Mila!
„Gut, wir haben noch fünf Wochen bis Ferien sind, bis dahin klären wir welche Aufgaben ihr zu erledigen habt und welcher Freiraum euch bleibt. Am Freitag fahren wir direkt los, es könnte sein , dass wir es nicht zu eurer Zeugnis Verteilung schaffen.“ Das war der letzte Satz der gesprochen wurde, bevor wir anfangen zu essen.